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13. März 2013
Compliance – auch für den Mittelstand ein Muss?

Dr. Philip Reimann und Stephan Rönner über die Zusammenarbeit mit der Hochschule Fresenius

Herr Dr. Reimann, wir wollen über die Zusammenarbeit von Dierkes Partner mit der Hochschule Fresenius sprechen. Vielleicht können Sie uns zum Einstieg einen kleinen Überblick geben.

Dr. Philip Reimann: Gern. Die Hochschule Fresenius ist sehr bemüht, Partnerunternehmen aus der Wirtschaft zu gewinnen, um den Studenten praktische Erfahrungen in Form von Projektarbeiten, aber auch Praktika zu ermöglichen. Diesen Ansatz fanden wir bei Dierkes Partner sehr gut. Deshalb haben wir uns im vergangenen Jahr mit der Hochschule zusammengetan, um zu sehen, wie wir das vielleicht unterstützen können. Ende letzten Jahres haben wir uns daraufhin ein Projektthema überlegt, das sodann von einer Gruppe von Studenten, unter anderem von Herrn Rönner, bearbeitet wurde. Es ging dabei um das Thema Compliance im Mittelstand.

Stephan Rönner: Genau, ich studiere im fünften Semester Business Administration an der Hochschule Fresenius. Von Oktober bis Dezember letzten Jahres haben vier Kommilitonen und ich an dem von Herrn Reimann angesprochenen Projekt zum Thema Compliance gearbeitet. Da mir die Projektarbeit großen Spaß gemacht hat und ich Gefallen an dem Thema Compliance gefunden habe, haben Dierkes Partner und ich gemeinsam entschieden, dass es sinnvoll sein könnte, wenn ich das Thema und die Ergebnisse der Projektarbeit im Rahmen eines vierwöchigen Projekt-Praktikums weiter vertiefe.

Was war denn die Aufgabenstellung des Projektes?

Dr. Philip Reimann: Uns war wichtig, dass das Projekt am Ende auch einen konkreten Nutzen hat und wir es in unserer Beratungspraxis anwenden können, deswegen haben wir das Thema Compliance für den Mittelstand angeregt.

Stephan Rönner: Konkret war die Anforderung, ein Compliance-Management-System zu entwickeln, das auf die Besonderheiten von mittelständischen Unternehmen zugeschnitten ist. Meist sind solche Systeme ja auf große Unternehmen ausgerichtet, da sind die Anforderungen natürlich ganz anders.

Vielleicht erklären Sie einmal, was sich hinter dem Begriff Compliance eigentlich verbirgt. Gehört hat ja sicher jeder schon einmal davon, aber was ist das genau?

Stephan Rönner: Compliance umfasst im weitesten Sinne das Einhalten von Richtlinien, Normen und gesetzlichen Vorgaben. Zur rechtlichen Absicherung, um sich beispielsweise an bestimmten Ausschreibungen beteiligen zu dürfen, aber auch aus ethischen Gründen.

Dr. Philip Reimann: Das Thema Kinderarbeit wäre ein gutes Beispiel. Das hat zunächst ja einen ethischen Aspekt. Als Unternehmer möchte man nicht an der Ausbeutung von Kindern verdienen. In Deutschland ist das zudem auch rechtlich klar verboten. Und schließlich erwarten viele Auftraggeber von ihren Produzenten, dass sie sich an gewisse Standards halten.
Hier sprechen also gleich mehrere Gründe für eine sorgfältige Compliance, d. h. für die Einführung von Strukturen, die sicherstellen, dass weder gegen Gesetze noch gegen ethische Grundprinzipien verstoßen wird.

Stephan Rönner: Es gibt da sehr konkrete Vorgaben für ein Compliance-Management-System, die sich sehr gut aus dem IDW Standard PS 980 vom Institut der Wirtschaftsprüfer ableiten lassen. Die geben vor, aus welchen Bestandteilen eine Compliance bzw. ein Compliance-Management-System bestehen sollte und wie das umgesetzt werden könnte.

Ein Laie fragt sich nun vielleicht, was so besonders daran ist, dass sich Unternehmen an Gesetze halten müssen. Ist das nicht einfach „alter Wein in neuen Schläuchen“?

Dr. Philip Reimann: Es ist schon so, dass der Begriff „Compliance“ relativ neu ist. Für das, was damit im Wesentlichen gemeint ist, gab es früher den Begriff des „Ehrbaren Kaufmanns“. Gemeint ist letztlich also, dass sich jeder Unternehmer an Recht und Gesetz zu halten hat und allgemein verantwortungsvoll am Wirtschaftsleben teilnehmen soll. Daran hat sich natürlich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nichts geändert. Neu ist aber das Bewusstsein dafür. Wo wird produziert? Unter welchen Bedingungen? Das hat viel mit dem Arbeitsrecht zu tun und mit dem Arbeitsschutzrecht. Da gibt es heute eine viel größere Sensibilität. Sowohl auf Seiten der Unternehmen als auch bei den Kunden.
Auch Datenschutz ist ein sehr aktuelles Thema. Wie gehe ich mit den Daten meiner Kunden um? Was darf ich speichern, auswerten, was weitergeben?

Stephan Rönner: Zumal es in verschiedenen Ländern auch explizite Vorschriften gibt, die das Haftungsrisiko des Unternehmers betreffen. Hält sich sein Unternehmen nicht an bestimmte gesetzliche Vorgaben, haftet er privat und persönlich dafür. Zum Beispiel der UK Bribery Act: Wollen Sie als deutsches Unternehmen mit einem britischen Unternehmen handeln, müssen Sie hier in Deutschland die britischen Besonderheiten beachten.

Dr. Philip Reimann: Im Prinzip kann man sagen, dass Compliance die Festschreibung des Ehrbaren Kaufmanns auf international vergleichbarer Ebene im 21. Jahrhundert ist.

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Was macht das Thema denn für Ihre Mandanten besonders wichtig?

Dr. Philip Reimann: Wir stellen fest, dass der Begriff zwar sehr geläufig ist, aber auf Grund der Breite des Themas auch oft missverstanden wird. Und mir haben auch schon Mandanten gesagt: „Ich habe das jetzt 30 Jahre lang so gemacht, es ist immer gut gegangen. Warum soll ich jetzt was ändern?“ Aber Risiko bleibt Risiko, nur weil 30 Jahre lang nichts passiert ist, muss es nicht noch einmal 30 Jahre lang gut gehen.

Stephan Rönner: Zumal Compliance ja auch nicht nur rechtliche Absicherung bedeutet. Die Ausrichtung von Unternehmensabläufen ist auch eine Effizienzfrage. Wer kümmert sich zum Beispiel um die Umsatzsteuervoranmeldung? Die Mitarbeiterin, die am 10. gerade auf Geschäftsreise oder im Urlaub ist? Dann geht die Umsatzsteuer nicht raus – sehr ungünstig.

Das klingt, als müsste ich mir als Mandant über unglaublich viele Dinge Gedanken machen. Woher soll ich die Zeit dafür nehmen?

Stephan Rönner: Es stimmt, dass ein Compliance-System zunächst einen Initialaufwand bedeutet. Die regelmäßige Pflege und Verbesserung der Abläufe ist dann aber später nicht mehr so groß. Und viele Abläufe müssen ohnehin im Unternehmen geregelt werden. Es bietet sich also an, sie einmal richtig zu organisieren.

Dr. Philip Reimann: Zumal durch Gesetzesverstöße ja auch schnell immense Schäden entstehen können. Selbst wenn es nicht zu einer gerichtlichen Verurteilung kommt – allein der Zeitaufwand eines Prozesses ist oft schon erheblich.

Was ist nun das Besondere an Ihrem Projekt? Compliance-Systeme gibt es ja sicher schon einige, oder?

Stephan Rönner: Natürlich gibt es bereits verschiedene Systeme. Allerdings sind die meist auf größere Unternehmen ausgerichtet. Die Thematik kommt ja auch aus diesem Bereich.
In unserem Projekt haben wir uns ganz bewusst auf die Bedürfnisse von mittelständischen Unternehmen konzentriert. Das ist so noch nicht sehr weit verbreitet am Markt.

Dr. Philip Reimann: Die großen Kanzleien, insbesondere die sogenannten Big Four, sind von ihrem ganzen Apparat auf sehr große Unternehmen ausgerichtet, da rentieren sich kleinere, also mittelständische, Mandate meist noch gar nicht. Am anderen Ende des Spektrums gibt es eine Vielzahl von kleineren Beratungshäusern, denen die Kapazitäten fehlen, das Thema Compliance umfassend anzubieten, geschweige denn Mandanten bei der Implementierung eines Compliance-Management-Systems zu begleiten. Vielfach wird auch einfach die „normale“ rechtliche oder steuerliche Beratung mit dem Label „Compliance“ versehen. Dahinter verbirgt sich dann aber im Prinzip meist eben „nur“ eine normale steuerliche oder rechtliche Beratung bzw. einzelfallorientierte Problemlösung. Vielleicht etwas vorwärtsorientierter; aber letztendlich ist das gerade kein echtes Compliance-Management.

Das Projekt ist nun abgeschlossen. Werden die Ergebnisse in die Beratungsarbeit von Dierkes Partner einfließen?

Dr. Philip Reimann: Ja, wir sind gerade dabei, das mit einem Kooperationspartner abzustimmen. Denn von Haus aus liegt unsere Kernkompetenz bei Dierkes Partner ja nicht im Projekt-Management. Diesen Teil, also die Begleitung des Unternehmens durch alle Phasen der Umstellung und die praktische Implementierung, diesen Aufgabenbereich übernimmt der Kooperationspartner. Unsere Aufgabe sehen wir in der Sensibilisierung unserer Mandanten für das Thema und in der fachlichen Begleitung: Wo lauern die Risiken? Wie sichert man sich dagegen ab? Was muss steuerlich und rechtlich bedacht werden?

Was nehmen Sie denn aus Ihrer jeweiligen Perspektive aus dem Projekt mit, jetzt wo es erfolgreich abgeschlossen ist?

Dr. Philip Reimann: Also zunächst einmal hat die Zusammenarbeit mit den Studenten sehr viel Freude gemacht. Es war einfach schön zu sehen, wie sie sich für das Thema  begeistert haben. Und zusätzlich sind dabei auch sehr gute Ergebnisse herausgekommen.

Stephan Rönner: Das kann ich so nur unterschreiben. Ich persönlich fand es auch sehr interessant, so viele praktische Erfahrungen in der Arbeitswelt zu sammeln. Das Theoretische nimmt im Studium ja sonst immer einen sehr großen Teil ein.

Herr Dr. Reimann, Herr Rönner, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Philip Reimann
Steuerberater | Rechtsanwalt | Fachanwalt für Steuerrecht
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