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24. Februar 2017
Brexit: Auswirkungen auf Bilanzierung, Bewertung, Anhang und Lagebericht – Teil 2

Liquide Mittel

Falls ein Unternehmen liquide Mittel in Britischen Pfund unterhält, sind diese zum Bilanzstichtag mit dem aktuellen Devisenkassamittelkurs zu bewerten. Aufgrund der Wechselkursentwicklung des Britischen Pfundes und bei der Umrechnung gemäß § 256 a HGB, wird sich regelmäßig ein Wertberichtigungsbedarf ergeben.

Aktive latente Steuern

Auch die Prüfung der Werthaltigkeit aktiver latenter Steuern beruht auf einer aus der Unternehmensplanung abgeleiteten steuerlichen Planungsrechnung. Vor dem Hintergrund sich verändernder Wechselkurse sowie infolge des Brexits ggf. anzupassender Planungen, gilt dies insbesondere bei der Beurteilung der Werthaltigkeit aktiver latenter Steuern auf steuerliche Verlustvorträge. In diesen Fällen ist ein möglicher Wertberichtigungsbedarf zu prüfen.

Verbindlichkeiten

Ebenso wie die Forderungen, sind die Verbindlichkeiten gemäß § 256 a HGB in Euro umzurechnen. Bei Verbindlichkeiten in fremder Währung ist hierfür der Devisenkassamittelkurs zum Stichtag zu verwenden. Im Hinblick auf kurzfristige Fremdwährungsverbindlichkeiten (Restlaufzeit zum Stichtag weniger als ein Jahr) ergeben sich für deutsche Unternehmen positive Entwicklungen, denn durch die rückläufige Entwicklung des britischen Pfundes entstehen Währungsumrechnungsgewinne zum Bilanzstichtag. Bei langfristigen Fremdwährungs­verbindlichkeiten (Restlaufzeit zum Stichtag von mehr als einem Jahr) ist hingegen der Ansatz eines niedrigeren Stichtagswertes unzulässig (Höchstwertprinzip). In diesem Falle würden Kursgewinne erst nach vollständiger Rückzahlung der Währungsverbindlichkeit zu berücksichtigen sein (unter der Voraussetzung, dass sich bis dahin der Wechselkurs nicht wieder erholt hat).

Rückstellungen

Nach § 249 Abs. 1 Satz 1 HGB ist eine Rückstellung für ungewisse Verbindlichkeiten und für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften zu bilden. Das Absinken des britischen Pfundes gegenüber dem Euro trifft in erster Linie Unternehmen, die aus Großbritannien/Nordirland Waren importieren und auf Sicherungsgeschäfte verzichtet haben. Unternehmen, die z. B. das Risiko von Wechselkursänderungen bewusst durch die Vereinbarung fester Euro-Preise ausschließen wollten, drohen aus solchen Abnahmeverpflichtungen über die Restlaufzeit des jeweiligen Einkaufs­vertrages entsprechende Verluste. Solche Verluste sind zum Bilanzstichtag handelsrechtlich durch eine sog. Drohverlustrückstellung zu berücksichtigen.

Bewertungseinheiten

Unternehmen mit wesentlichen Handelsaktivitäten in Großbritannien/Nordirland können sich gegen Schwankungen des Wechselkurses GBP-EUR mittels des Einsatzes von Währungskurssicherung schützen. Unternehmen werden daher voraussichtlich mehr als bislang bestrebt sein, Bewertungseinheiten i. S. v. § 254 HGB zu bilden. Die Bildung von Bewertungseinheiten ist mit gewissen Dokumentationsvoraussetzungen verbunden und auch bei ihrer Bilanzierung sind Besonderheiten, z. B. bei vorzeitiger Glattstellung, zu berücksichtigen. Unternehmen sollten sich daher frühzeitig mit den Möglichkeiten einer Bildung von Bewertungseinheiten auseinandersetzen. Sofern Bewertungseinheiten gebildet werden, sind nach § 285 Nr. 23 HGB bzw. IFRS 7 auch die zugehörigen Angaben im Anhang (oder Lagebericht nach HGB) aufzunehmen. Weitere Anhangangaben können sich aus § 285 Nr. 19 HGB in diesem Zusammenhang ergeben.

Auswirkungen auf die Berichterstattung im Anhang

Wie die vorstehenden Ausführungen gezeigt haben, kann sich der Brexit auf die Bewertung zahlreicher Bilanzposten auswirken. Angaben zu Bewertungseinheiten haben gemäß § 285 Nr. 23 HGB zu erfolgen (siehe unter 2.1). Weitere Anhangangaben können sich aus § 285 Nr. 19 HGB beim Einsatz derivativer Finanzinstrumente im Zusammenhang von Bewertungseinheiten ergeben (z.B. beim Einsatz von Swap-Geschäften). Eine Anhangangabe nach § 285 Nr. 18 HGB ist erforderlich, wenn zu den Finanzanlagen gehörende Finanzinstrumente über ihrem beizulegenden Zeitwert ausgewiesen werden, da auf eine außerplanmäßige Abschreibung nach § 253 Abs. 3 S. 6 HGB verzichtet worden ist (siehe auch unter 1.6).

Da durch den Austritt Großbritanniens/Nordirlands insbesondere exportierende Unternehmen durch rückläufige Umsatzerlöse und eine verschlechterte Absatzsituation beeinträchtigt sind, könnte es gemäß § 264 Abs. 2 Satz 2 HGB erforderlich sein, im Anhang zusätzliche Angaben zu machen, wenn der Jahresabschluss kein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage vermitteln würde.

Auswirkungen auf die Berichterstattung im Lagebericht

Das Brexit-Referendum kann bereits zum Stichtag 31.12.2016 Auswirkungen auf die Lageberichterstattung haben.

Im Wirtschaftsbericht ist nach DRS 20.59 beispielsweise auf die gesamtwirtschaftlichen und branchenbezogenen Rahmenbedingungen einzugehen. Zu den Rahmenbedingungen können auch die mit dem Brexit-Votum hervorgerufenen Unsicherheiten auf den Märkten sowie die bereits sichtbaren makroökonomischen Entwicklungen zählen.

Der Prognosebericht berichtet über die voraussichtliche Entwicklung und basiert auf den unternehmerischen Planungsrechnungen. Im Prognosebericht sind auch die zugrunde liegenden Annahmen anzugeben. Hierzu zählen z. B. die Branchen-, die Wechselkursentwicklung sowie erwartete Sondereinflüsse (vgl. DRS 20.122). Diese Annahmen können vom Brexit beeinflusst sein.

Der Risikobericht umfasst u. a. die Angaben zu den einzelnen Risiken sowie eine zusammenfassende Darstellung der Risikolage (vgl. DRS 20.146). Bei der Berichterstattung kommt bei Wesentlichkeit auch die Erläuterung der Risiken aus dem Brexit infrage.

Nach § 289 Abs. 2 Nr. 1 Buchst. b HGB bzw. § 315 Abs. 2 Nr. 1 Buchst. b HGB ist ebenso über Preisänderungs-, Ausfall- und Liquiditätsrisiken sowie Risiken aus Zahlungsstromschwankungen zu berichten. Auch diese Risiken können durch den drohenden Brexit verschärft werden oder neu entstehen.

Auf der anderen Seite kann der Brexit auch Chancen für die Unternehmen mit sich bringen, z. B. wenn Kunden bislang mit Wettbewerbern in Großbritannien/Nordirland zusammengearbeitet haben und aufgrund der Unsicherheiten künftig mit dem berichtserstattenden Unternehmen kooperieren. Hierüber wäre bei Wesentlichkeit im Chancenbericht zu berichten.

Ausblick

Entsprechend den allgemeinen Erwartungen, wird Großbritannien zunächst geneigt sein, den Verhandlungsbeginn bis zu einem Zeitpunkt nach den Wahlen in Deutschland und Frankreich hinauszuzögern. Es wird damit gerechnet, dass sich die Umsetzung des Brexit bzw. die Verhandlungen über das Austrittsabkommen über mehrere Jahre hinziehen werden. Je nach Umfang und Art der Wirtschaftsbeziehungen sollten sich Unternehmen daher frühzeitig mit den Risiken und Chancen des Brexit auseinandersetzen, um ggf. notwendige (Umstrukturierungs-)Maßnahmen rechtzeitig einzuleiten. Als unabhängiger Sachverständiger können wir als Wirtschaftsprüfer für Sie daher ein wichtiger Ansprechpartner sein, um Ihr Unternehmen beispielsweise bei der unternehmensindividuellen Bestandsaufnahme der Risiken und Chancen des Brexit sowie bei Bewertungsfragen zu unterstützen.

Dipl.-Kfm. Kai Gehrt, WP, StB
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