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20. Februar 2017
Brexit: Auswirkungen auf Bilanzierung, Bewertung, Anhang und Lagebericht – Teil 1

Der Brexit ist da – es ist nur noch nicht klar, wann und unter welchen Bedingungen der Austritt Großbritanniens/Nordirlands aus der EU erfolgen wird. Auch wenn die konkreten Folgen des Brexit von den Ergebnissen der Austrittsverhandlungen abhängen, sollten sich Unternehmen neben möglichen strategischen, organisatorischen und rechtlichen Fragestellungen auch mit den potentiellen Folgen des Brexit auf die Rechnungslegung befassen. Im Folgenden werden diese (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) kurz erläutert.

Auswirkungen auf Bilanzierung und Bewertung

Anlagevermögen

Gemäß § 253 Abs. 3 HGB ist eine Abschreibung wegen dauernder Wertminderung zu überprüfen, wenn der Wert des aktivierten Anlagevermögens dauerhaft gesunken ist.

Wenn Anlagevermögen nach Großbritannien/Nordirland verkauft werden soll und die Zahlung in britischen Pfund vereinbart wurde, ist aufgrund des gesunkenen britischen Pfunds zu prüfen, ob sich aus dem nunmehr geringer zu erwartenden Euro-Zufluss Auswirkungen auf den bilanzierten Wertansatz ergeben.

Falls einzelne Vermögensgegenstände des Anlagevermögens zur Produktion eingesetzt werden und aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung in Großbritannien / Nordirland bedingt durch den Brexit mit einem bedeutsamen Nachfragerückgang zu rechnen ist bzw. Produktionsmaschinen stillgelegt werden müssen, stellt sich die Frage nach der Werthaltigkeit der aktivierten Maschinen.

Auch immaterielle Rechte können durch den Brexit an Wert verlieren, wenn z. B. der gesunkene Wechselkurs dazu führt, dass in britischen Pfund vereinbarte Lizenzzahlungen nur einen geringeren Euro-Wert verkörpern.

Geschäfts- oder Firmenwert

Aufgrund von rechtlichen Änderungen und erwarteten Nachfragerückgängen bedingt durch den Brexit können sich Anpassungen in den Ertragsplanungen ergeben. Diese Planungen sind wiederum sowohl nach HGB als auch nach IFRS Grundlage für die Werthaltigkeit eines Geschäfts- oder Firmenwertes. So ist der Geschäfts- oder Firmenwert nach § 253 Abs. 3 Satz 5 HGB bei voraussichtlich dauernder Wertminderung außerplanmäßig auf den niedrigeren beizulegenden Wert abzuschreiben. Der beizulegende Wert wird dabei auf Basis eines Ertragswert- bzw. Discounted-Cashflow-Verfahrens ermittelt. Die finanziellen Überschüsse bzw. Cashflows basieren hierbei auf den unternehmerischen Planungsrechnungen.

Beteiligungen

Falls wesentliche Beteiligungen in Großbritannien/Nordirland bestehen, stellt sich spätestens zum 31.12.2016 im Rahmen der Erstellung des Jahresabschlusses die Frage nach deren Werthaltigkeit. Sofern die Unternehmensplanungen (umgerechnet in Euro), die der Kaufentscheidung zugrunde gelegen haben, nicht aufrechterhalten werden können, besteht im Einzelfall Wertberichtig­ungsbedarf. Aufgrund der Tatsache, dass das britische Pfund zum 31.12.2016 (1 £ = € 1,16735) deutlich weniger wert war als noch zum 31.12.2015 (1 £ = € 1,35661), sind die Auswirkungen des gesunkenen britischen Pfundes auf die in Euro umgerechneten Ertragswerte der jeweiligen Beteiligungsunternehmen bzw. die Wertansätze der entsprechenden Beteiligungen zum 31.12.2016 zu überprüfen. Gleiches gilt – wie sonst auch -, wenn aufgrund des Brexit die in Großbritannien/Nordirland ansässigen Beteiligungsunternehmen geringere Umsätze bzw. schlechtere Unternehmensergebnisse erzielen sollten.

Wertpapiere

Bedingt durch den Brexit wird mit Unsicherheiten und daraus resultierenden volatileren Finanzmärkten gerechnet. Daraus kann für Wertpapiere im Anlage- und Umlaufvermögen ein Wertberichtigungsbedarf zum 31.12.2016 bestehen. Während im Umlaufvermögen gemäß § 253 Abs. 4 HGB das strenge Niederstwertprinzip zu beachten ist, besteht bei einer voraussichtlich nicht dauerhaften Wertminderung für Finanzanlagen im Anlagevermögen gemäß § 253 Abs. 3 Satz 6 HGB ein Wahlrecht. Wird mit Verweis auf das Abschreibungswahlrecht auf eine Abschreibung im Anlagevermögen verzichtet, ist auf Berichtspflichten im Anhang nach § 285 Nr. 18 HGB zu achten. Danach sind für bestimmte Finanzanlagen, die zum Abschlussstichtag über ihren beizulegenden Zeitwert ausgewiesen werden, entsprechende Erläuterungen erforderlich.

Vorräte

Vorräte unterliegen nach § 253 Abs. 4 HGB dem strengen Niederstwertprinzip. Abschreibungen sind danach vorzunehmen, wenn sich zum Stichtag aus aktuellen Börsen- oder Marktpreisen ein niedrigerer beizulegender Wert auf dem Beschaffungs- oder Absatzmarkt ableiten lässt. Für den Fall, dass Waren und Vorräte zu bewerten sind, die nach Großbritannien/Nordirland verkauft werden sollen, ist zu prüfen, in welcher Währung Absatzverträge vorliegen. Wurde ein Verkaufspreis in Euro vereinbart, ergeben sich keine unmittelbaren Auswirkungen. Wurde der Preis indes in britischen Pfund vereinbart, fließt künftig ein geringerer Euro-Betrag zu als bislang erwartet. Neben der Entwicklung des Beschaffungs- und Absatzmarktes ist insofern auch der Einfluss der Wechselkursentwicklung auf Ein- und Verkaufspreise zu berücksichtigen. Ebenso ist die sog. verlustfreie Bewertung zu beachten, das heißt, wenn es nicht mehr möglich ist, die Waren bzw. Vorräte zu den ursprünglichen Anschaffungs-/Herstellungskosten mit Gewinn zu verkaufen, hat ebenfalls eine Abschreibung zu erfolgen.

Forderungen

Die Bewertung von Forderungen richtet sich danach, ob es sich um langfristige, zum Anlagevermögen gehörende Forderungen (§ 253 Abs. 3 S. 5 HGB) oder um solche des Umlaufvermögens (§ 253 Abs. 4 HGB) handelt. Forderungen sind grundsätzlich mit ihrem Nominalbetrag anzusetzen. Zweifelhafte Forderungen sind mit ihrem wahrscheinlichen Wert anzusetzen, uneinbringliche abzuschreiben. Insofern könnten ein Nachfragerückgang oder Bonitätsprobleme britischer Kunden im Einzelfall auch außerplanmäßige Abschreibungen von Forderungen notwendig machen.

Nach § 256 a HGB sind Forderungen in fremder Währung mit dem Devisenkassamittelkurs zum Stichtag umzurechnen. Beträgt die Restlaufzeit der Fremdwährungsforderung zum Stichtag weniger als ein Jahr, ist der Wechselkurs am Bilanzstichtag zur Bewertung heranzuziehen. D.h., diese Forderungen sind am Stichtag zum aktuellen Devisenkassamittelkurs ohne Beschränkung auf die Anschaffungskosten (Zeitpunkt der Erstverbuchung) umzurechnen.

Bei Fremdwährungsforderungen mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr zum Stichtag (z. B. Ausleihungen mit Ausweis im Anlagevermögen) besteht ein Wahlrecht zur Vornahme einer außerplanmäßigen Abschreibung auch bei einer ggf. nur vorübergehend bestehenden Wertminderung nach § 253 Abs. 3 Satz 6 HGB.

Durch Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro sinkt der entsprechende Devisenkassamittelkurs. Aufgrund des zum 31.12.2016 gesunkenen Devisenkassamittelkurses erfahren alle auf britische Pfund lautende Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sowie gewährte Darlehen einen Werteverlust. Die Forderungen sind in diesem Fall auf den geringeren beizulegenden Wert abzuschreiben, was das Unternehmensergebnis 2016 belasten wird. Bei langfristigen Forderungen bzw. Ausleihungen im Anlagevermögen ist eine Abschreibung dann vorzunehmen, wenn die Wertminderung dauerhaft ist.

Der Brexit erfordert auf jeden Fall auch eine neue Bonitätseinschätzung für britische Kunden, die eine Wertberichtung aktivierter Forderungen zur Folge haben können.

Dipl.-Kfm. Kai Gehrt, WP, StB
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